Wyler/Zapfi: Das System und seine Mittel

Martin Müller am 29.03.2008 @ 13:59

Inzwischen ist ja eingetroffen, was ich schon im Januar befürchtet hatte. Die beiden Frauen, die sich gegen das System aufgelehnt hatten, werden vom System nun wirtschaftlich bekämpft - sprich sie wurden entlassen. Externe Experten hatten ein unabhängiges Gutachten zu verfassen, um die Vorwürfe abzuklären zu entkräften.

Bei den beiden Experten handelt es sich um zwei Peter, ein Hablützel und ein Arbenz. Hablützel, früherer Berater von Bundesrat Willy Ritschard, war von 1989 bis September 2005 Direktor des Eidg. Personalamtes, heute Inhaber der Hablützel Consulting Bern. Arbenz wiederum stand den grössten Teil seines Lebens im Dienste des Systems Bundes oder vom System Bund mitfinanzierter Organisationen, kurz unterbochen für 9 Jahre als Vollamts-Stadtrat in Winterthur. Heute bietet der ehemalige Brigadier seine Dienste als Berater für Strategieentwicklung und Unternehmensführung all jenen an, die ihn halt dafür bezahlen. Neben Aufträgen aus der Privatwirtschaft soll er auch bedeutsame Mandate von Seiten nationaler und internationaler Behörden erhalten haben.

Diese ach so neutralen und unabhängigen Experten fanden nun, oh Wunder, praktisch keinen der Vorwürfe von Wyler/Zapfi bestätigt. Für den Zürcher Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber sind wir vom dumben Volk wohl die absoluten Vollhonks, wenn er wirklich glaubt, wir würden solch durchsichtiges Vorgehen nicht bemerken. Da muss ich doch gleich einmal mehr feststellen, dass ich zuwenig Haut im Gesicht habe, um so viele Falten zu schlagen, wie nötig wären.

Ob allerdings das Vorgehen der beiden Frauen mit den Anzeigen wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung gegen Frau Stocker und ein paar Kaderleute des Zürcher Sozialamts zum Erfolg führt, wird sich erst noch zeigen müssen. Vermutlich ist das System am längeren Hebel. Es kann sich unabhängige Experten leisten bis Frau Wyler und Frau Zapfi das Geld ausgeht.

Nachtrag von 14:35: Und die Medien melden gehorsamst Entwarnung: Tagi: Kritik an der Sozialhilfe löst sich in Luft auf, NZZ: Harsche Kritik am Sozialamt nicht erhärtet. Vorwürfe von Mitarbeiterinnen halten externer Prüfung nicht stand.

    

Rückkehr der Bibelwerfer?

Martin Müller am 24.03.2008 @ 15:00

Wenn es nach dem schweizerischen Lehrerverband geht, dann sollen in unseren Schulstuben demnächst wieder "christliche Werte" vermittelt werden.

Der Grossteil unserer Geschichte könne nicht verstanden werden ohne Grundkenntnisse der jüdisch-christlichen Wurzeln.

Derweil dies wohl wahr ist, jedoch Geschichte in unseren Schulstuben kaum mehr als ein wenig Neandertaler, Pfalbauer, eine Prise Habsburger, etwas Louis XVI, Louis XVIII, dekoriert mit Napi, und wenn die Zeit noch reicht, ganz knapp noch die zwei Weltkriege zum Dessert umfasst, stellt sich die Frage, ob der Standardschüler nicht damit überfordert sein dürfte, ihm z.B. die Taten Hitlers und seiner Schergen im Kontext christlich-jüdischer Wurzeln vermitteln zu wollen. Noch kruder wird es beim folgenden Zitat:

Zu den nicht verhandelbaren Grundwerten zählt der Lehrerverband etwa die Freiheit des Individuums, das Gebot der Chancengleichheit, das Prinzip des Ausgleichs zwischen Bedürftigkeit und Überfluss, die Garantie körperlicher und seelischer Unversehrtheit. «Diese Grundwerte müssen den Kindern in der Schule stufengerecht immer wieder begegnen und ihnen in ihrer Bedeutung nahegebracht werden.»

Von diesen vier Grundwerten ist gerade mal das Prinzip des Ausgleichs zwischen Bedürftigkeit und Überfluss biblisch untermauerbar. Die restlichen Werte entspringen der Aufklärung durch die durchaus oft auch agnostisch denkenden liberalen Philosophen und Oekonomen und mussten gegen den erbitterten Widerstand klerikaler Kreise durchgesetzt werden.

Es grenzt daher schon fast an Mutwille, solche Werte mit Bibelzitaten vermitteln zu wollen - dazu noch an Buddhisten, Hindi oder Muslime. Ich stelle mir jedenfalls vor, es wäre durchaus erfolgversprechender, einem Muslim die Erfordernis der Chancengleichheit von Frauen mit Hilfe liberaler Thesen begreiflich zu machen.

Ich bin mir denn auch nicht ganz sicher, wieviel da der Lehrerverband beitrug und wieviel auf die Kombinationsfähigkeit des Journalisten in Zusammenhang mit der Aussage der Zürcher Bildungsdirektorin Aeppli zurückzuführen ist, die da offenbar meite:

Die Schule, sagt Aeppli, sei nicht wertfrei, sei es nie gewesen, und es gehe heute darum, aufzuzeigen, «dass Werte eine religiöse Verankerung haben».

Wie auch immer, Bibelwerfer haben in Schweizer Schulstuben nichts mehr verloren. Dafür waren denn doch die Opfer des Sonderbundkriegs, wo die Liberalen 1847 den Katholisch-Konservativen endgültig heimleuchteten, zu zahlreich.

    

Privatisiert endlich diese Volksschule

Martin Müller am 9.01.2008 @ 00:10

Vielerorts, wo derzeit über die Volksschule geschrieben wird, kommen Begriffe wie "überforderte Gemeinden" oder auch "Grossbaustelle" in nicht marginaler Häufung vor. Ein Faktum, über das sich nur Laien wundern.

In den vergangenen drei Dekaden trug "die Gesellschaft" so viele Aufgaben an die Volksschule heran, die nicht zum eigentlichen Kernauftrag einer Bildungsinstitution gehören. Die Schulen, politisch lasch geführt und von 68er Pädagogen unterwandert, nahm diese Anliegen noch so gerne auf. Fehlender Wettbewerb führte dazu, dass man sich nicht untereinander messen, seine Kernkompetenzen nicht vergleichen lassen musste. Nun ist das passiert, was einem Gemischtwarenladen in aller Regel gerne passiert: Die Diversifizierung ist nicht mehr zu verwalten, geschweige denn zu gestalten.

Wohl war die Einrichtung der Volksschule bei ihrer Einführung eine Notwendigkeit, ja gar eine Weisheit, im Kampf gegen Armut und Perspektivelosigkeit weiter Bevölkerungskreise. Doch es ist falsch verstandener Respekt vor den Resultaten der Schaffenskraft früherer Liberaler, an Konzepten festzuhalten, deren Resultaten man ansieht, dass sie sich überlebt haben. Heutige Liberale sehen in der Regel ein, dass der Staat nicht in der Lage ist, Schule in einem geordneten Rahmen stattfinden zu lassen (einige davon lassen sich allerdings dadurch noch zum falschen Schluss verleiten, mit mehr Geld wäre da noch etwas zu machen).

Privatisieren wir die Schulen, verkaufen oder vermieten die Schulhäuser an private Bildungseinrichtungen und geben wir den Eltern pro Kind einen Bildungsgutschein ab. Ein beachtlicher Teil dieser Eltern, besorgt um die Ausbildungsqualität ihrer Sprösslinge, wird den Wettbewerb unter diesen Schulen in Gang und die Qualitätssicherung auf Trab halten. Eltern, die Wert auf Bildung handwerklichen Geschicks legen, werden genauso ein Angebot finden, wie solche, die lieber auf Drill und Übung setzen. Vielfalt wird einkehren und Chancengleichheit wird endlich realistisch. Heute ist sie sowieso zur Gleichmacherei, zur Nivelierung aufs Mittelmass verkommen.

    

Sparpotential für Wirte bei Rauchverbot

Martin Müller am 8.10.2007 @ 10:55

Nach neustem common-sense sind Gaststuben und Sääle in Restaurants nicht mehr Privateigentum des Wirts oder Verpächters, sondern öffentliche Räume und deshalb wird künftig dort das Rauchen per Gesetz verboten sein. Wir werden uns daher daran gewöhnen müssen, dass die orangenen Männchen von der Stadtreinigung und die grünen von der Stadtgärtnerei sich nicht nur während der Znünipause in Restaurants aufhalten, sondern diese Lokalitäten auch arbeitenderweise betreten werden. Schliesslich liegt es in der Obliegenheit der öffentlichen Hand, in öffentlichen Räumen für Sauberkeit und Pflege zu sorgen. Ich begreiffe jene Wirte nicht, die sich noch immer gegen dieses Rauchverbot stemmen, bietet es ihnen doch ungeahntes Sparpotential beim eigenen Raumpflegepersonal.

    

Eigenverantwortung und Egoismus sind Zweierlei

Martin Müller am 29.09.2007 @ 21:32

Was passiert, wenn eine Kinderkrippe, deren Betreuungsangebot bis 16:00 Uhr dauert, mit dem Ziel der Disziplinierung ein paar säumiger Eltern, die ihren Nachwuchs ab und an zu spät abholen, eine Busse einführt? Die Unpünktlichkeit nimmt zu. Schliesslich bezahlt man nun mit der Busse die Überzeit der Krippnerin. Was man vorher aus Gründen der Fairness und des Anstandes so oft es ging vermied, weil man die längere Hütezeit als Freundschaftsdienst ansah, den man nur im Notfall beanspruchen mochte, unterliegt nun plötzlich rein materiellen Abwägungen im Sinne einer optimalen Allokation der knappen Ressourcen Zeit und Zaster. Verspätung wird somit zu einem akzeptablen, weil abgeltbaren Verhalten. Es wird also das Gegenteil von dem erzielt, was man erreichen will.

Und was passiert, wenn diese Busse nach einer gewissen Zeit mangels Erfolg wieder abgeschafft wird? Die Unpünktlichkeit nimmt nicht wieder ab. Die starke innere Motivation der Fairness und des Anstandes wurde durch das Ansetzen einer Vorschrift unter Strafanordnung ersetzt mit der schwachen äusseren Motivation der Busse.

Sie glauben das nicht? Müssen Sie auch nicht. Wissen ist allemal besser als Glauben. Die beiden israelischen Wissenschafter Uri Gneezy und Aldo Rustichini haben bereits 1998 diesen Effekt in einer Studie anhand zehn privater Krippen in Haifa belegt.

Dies sei als Warnung an all diejenigen Interventiönler zu verstehen, die Adam Smiths Theorie der unsichtbaren Hand aus dem Jahre 1776 mit dem Einwand zu bodigen suchen, diese funktioniere nur in einer Gesellschaft absolut egoistischer Menschen und diese sei schliesslich nicht das Ziel. Deshalb brauche es einen starken Staat, der seine Mitglieder mit Vorschriften zum gesellschaftlich erwünschten Verhalten zwinge. Es war nämlich ebenfalls Adam Smith, der mit allen Wassern gewaschene Tausendsassa, welcher in seiner Theorie der ethischen Gefühle bereits im Jahr 1759 dieses extrem egoistische Menschenbild anzweifelte. Seiner Ansicht nach sind die Menschen ebenso von Sympathien füreinander bestimmt. Für den Zusammenhalt einer Gesellschaft sorge deshalb nicht das Gewaltmonopol des Staates, sondern eben die Fähigkeit, füreinander Sympathie zu empfinden und sich in andere hineinversetzen zu können.

Adam Smiths Ansatz der unsichtbaren Hand, die von alleine das Allgemeinwohl dirigiert, wenn die einzelnen Menschen sich nur um ihr eigenes Wohl kümmern, basiert also keineswegs auf Egoismus, wie uns das heutige Sozialpopulisten einreden wollen, sondern auf Eigenverantwortung, die auch moralische Grundwerte wie z.B. Fairness und Anstand gegenüber Mitmenschen mit einschliesst.

Zwischenmenschliche Angelegenheiten mit Vorschriften regeln zu wollen muss also gut überlegt sein. Und es nützt wenig, heute das fehlende soziale Engagement von Unternehmern zu beklagen, nachdem man die starke innere Motivation der Fairness und des Anstandes durch die schwache äussere Motivation der Sozialversicherungsprämien ersetzt hat.

    

Verbietet die SUV

Martin Müller am 26.07.2007 @ 10:59

Dieser Tage ist die Tour de FranceFarce in aller Munde. Nicht etwa wegen spannender Fluchtversuche oder extraoridnären Leistungen, sondern wegen der Zweirad fahrenden Drögeler. Der Zuschauer werde betrogen, heisst es. Wie bitte? Wer Radrennen schaut, weiss seit Jahren, was da abgeht. Die Sponsoren werden betrogen, heisst es ferner. Auch wie bitte? Hier scheint doch augenscheinlich ein Angebot (Spitzenleistungen unter Zuhilfenahme verbotener Substanzen) auf eine Nachfrage (nach Werbeflächen) zu stossen. Der perfekte Markt. Dass sich die Velofahrer mit ihrem Tun selber schädigen darf man als Liberaler nicht bemängeln; noch ist Selbstschädigung, genau gleich wie Selbsttötung, lediglich eine Moralfrage. Also, was soll das ganze Getue? Wer sauberen Sport will, soll ihn selber betreiben. Wer auf Verbote setzt, um zu einem durch andere betriebenen, sauberen Sport zu kommen, verbietet konsequenterweise das Velo als Sport Utility Vehicle (SUV).

    

Krippen: So muss es sein

Martin Müller am 16.02.2007 @ 23:07

So muss es sein bei der familienexternen Kinderbetreuung. Chapeau für diese vorbildliche Leistung und die Risikobereitschaft der Unternehmer.

    

Kriegsspiele statt Englisch, jawohl!

Martin Müller am 2.11.2006 @ 17:02

Während zur Zeit Lehrer und Kinderärzte durch den Kanton Zürich tingeln, um dem Stimmvolk klar zu machen, dass zwei Wochenlektionen Englisch ab der zweiten und zwei Wochenlektionen Französisch ab der fünften Klasse an der Primarschule die Kinder vom Deutschlernen abhalten würden, halten Lehrer mit Unterstützung der Schulbehörde in Zusammenarbeit mit der Flüchtlingshilfe Kriegsspiele ab. Mit dieser als "Erfahrungspädagogik" schöngeschwätzten Methode sollen Kinder lernen, was Asylbewerber (möglicherweise) durchgemacht haben. Und sich wohl so indokrtiniert dereinst für die Abschaffung des Asylgesetzes aussprechen, wenn sie denn überhaupt wissen, was eine Abstimmung ist.

    

Der Staat ein Hehler, seine Politiker Heuchler

Martin Müller am 20.10.2006 @ 23:07

Die Schweiz baut, geht es nach dem Forschungsinstitut gfs.bern, immer mehr auf den Nanny-State. Gemäss der heute veröffentlichten Umfrage betreffs der Abstimmung über die einheitlichen Familienzulagen, wollen 69 Prozent der Befragten diese Vorlage annehmen. Bei den parteigebundenen Wählerschichten sagen sogar 60 Prozent der FDP- und 51 Prozent der SVP-Wähler Ja, obwohl diese beiden Parteien die Nein-Parole beschlossen haben.

Landesweit einheitliche Familienzulagen verstossen gegen das föderalistische Gebot, wonach alles staatliche Handeln auf lokale und regionale Gegebenheiten abzustimmen ist. Es ist unsinnig, im Jura und in Zürich gleich hohe Zulagen auszurichten, wenn doch die Lebenshaltungskosten im Kanton Zürich bedeutend höher sind, als im Jura. Ein Nein bedeutet ferner nicht die Abschaffung des heute gültigen Systems, das zwar auch seine Mängel hat, weswegen eine Revision nicht abzulehnen ist. Doch ist der heutige Zustand gegenüber der Abstimmungsvorlage bei weitem liberaler (wenngleich auch nicht liberal) und sollte daher nach dem Prinzip der Akzeptanz der "second best"-Lösung, wenn die beste Lösung nicht zur Debatte steht, beibehalten werden.

Was treibt die Wählerschaft dazu, diesen ordnungspolitisch äusserst fragwürdigen Schritt zu wagen? Es gibt für viele etwas zu holen, ohne selber etwas dazu tun zu müssen, was sie nicht ohnehin täten (Kinder zeugen). Der Staat, respektive die Politik, macht sich damit zum Geülfen der nach dem Prinzip des hier, heute und sofort lebenden Generationen. Er zwingt zur Umverteilung von noch mehr Kapital nach dem Giesskannenprinzip. Damit spielt er den Hehler und die befürwortenden Politiker und Parteien brüsten sich heuchlerisch damit, etwas "für die Familie getan" haben. Was, weiss zwar kein Mensch, denn dieses Geld wird einfach bei Mamis und Papis nächster Lohnerhöhung einkalkuliert, aber es hört sich im nächsten Wahlprospekt bestimmt gut an.

    

Das Kreuz mit dem Kreuz

Martin Müller am 19.10.2006 @ 18:27

Gemäss orf.at dürfen die Schüler der Oberstufe von Roggwil/BE nicht mehr mit den roten T-Shirt mit Schweizerkreuz zur Schule. Das integriert sich fast nahtlos in die Schuluniformdebatte in Basel (siehe hier und hier)

Am besten stecken wir doch die Schüler alle in Kartoffelsäcke und nehmen ihnen alle individuellen Merkmale wie Schmuck, Handys, etc. weg. Dann ist auch gleich noch etwas in Sachen erzieherischer Dehmut getan.

Wer will, kann sich auch beim Schulkommissions-Co-Präsidenten Fredy Lindegger via gemeinde@roggwil.ch beschweren.

Nachtrag 19:55 h: Gemäss der Sendung Schweiz Aktuell auf SF wisse niemand, woher dieses Gerücht komme. Die Quelle scheint die Berner Zeitung gewesen zu sein. Die Schulkommission dementiert aufs heftigste.

    

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