Ursache und Wirkung im Sozialstaat

Martin Müller am 2.10.2008 @ 16:45

Derzeit haben der Spruch «Gewinne privat, Verluste dem Staat» und die obligaten Hinweise auf den bösen Kapitalismus Hochkonjunktur. Damit höhnen nicht nur Sozis gerne über in Not geratene Manager, die vom Staat finanzielle Hilfe erwarten. Man kann es aber nicht genügend oft wiederholen: Solch ordnungspolitischer Frevel ist keineswegs Teil des real inexistenten Kapitalismus. Vielmehr wird er provoziert durch den real existierenden, umverteilenden Wohlfahrts- und Sozialstaat. Und das kommt so:

Mit allerlei Bluffs aus der sozialistischen Trickkiste wurden und werden dem Kapitalismus die Reisszähne, mit denen er uns anzufletschen beliebt, entschärft. Weil das viel kostet, greift der Staat jedes Jahr unverfrorener zu und nennt dies verharmlosend «Steuern». Während Jahrzehnten trug die Finanzbranche, um die es sich im Moment dreht, einen wesentlichen Teil zum Umverteilungskuchen bei. Zu seinem Anteil an den unverschämt hohen Boni war vom Wohlfahrtsstaat ebenfalls nie ein entrüstetes «Nein» zu hören.

Bei dieser Mentalität wundert man sich dann, wenn plötzlich die Falschen nach dem Staat rufen und etwas von dem einfordern, was ihnen vorher jahrelang für andere abgeknöpft wurde? Natürlich ist das bekloppt und zu verurteilen. Die Schuld dafür aber dem Kapitalismus in die Schuhe zu schieben, ist dann doch gar billige Stimmungsmache.

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2 Kommentare »

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  1. Ganz gute Einsicht in dem Post. Ich glaube, wir müssten da aber noch etwas tiefer graben:

    Damit der Staat bei den Reichen erst mal gewaltig viel mehr abschöpfen kann, müssen diese auch est gewaltig viel mehr haben. Der Sozialstaat tut tatsächlich etwas dafür, dass dem Kapitalismus die schlimmsten Reisszähne etwas abgeschwächt werden. Tatsache ist aber, dass diese Reisszähne existieren, und abgeschwächt werden /müssen/, wenn die Boni und Managerlöhne nicht noch hirnverbrannter werden sollen.

    Entsprechend ist schon der Grund dafür, dass es überhaupt Falsche geben kann, denen das Geld verteilt wird, im Kapitalismus zu suchen.

    Von einem anderen Blickwinkel: “Verdienen” ist ja genau so ein wunderschön unpassendes Wort wie “Steuern” - niemand kann von einem ethischen Standpunkt ernsthaft behaupten wollen, dass ein Mensch in einem Tag so viel _verdient_ wie ein anderer in einem Jahr nicht. Und genau das ist kapitalistische Realität, auch mit teilweise abgefeilten Zähnen. Der Ausgleich mittels Steuern ist ein nötiges Ausgleichsinstrument, um das wirtschaftliche und das ethische Ideal einander ein Bisschen näher zu bringen.

    Ich möchte hier nicht den Kapitalismus verdammen, er ist immer noch gewaltig besser als alle bekannten Alternativen - aber dass er nicht schuld an der Misere sei, oder daran dass der Prägnante Spruch der privatisierten Gewinne und verstaatlichten Verluste überhaupt Fuss fassen konnte (was er ja schon bei der Swissair tat), das finde ich zu stark vereinfachend.

    Kommentar von Guido — 2.10.2008 @ 21:01

  2. a)Der Kapitalismus ist immer noch das beste aller Systeme. Wohin der Sozialismus führt, haben wir mehr als deutlich gesehen.
    b)Dass der Ruf nach dem Staat jetzt auch von Seiten der Finanzwirtschaft laut wird, ist verständlich: wir leben in einer einzigen Gesellschaft, einer Gesellschaft notabene, in der jeder nach dem Staat ruft, wenn sein Einkommen zum Auskommen nicht ausreicht, unter Menschen, die dazu erzogen werden, nach dem Staat zu rufen, wenn sie die Lasten, die sie sich aufgehalst haben, nicht mehr tragen können.
    Ein Staat, der nicht auf Selbstverantwortung seiner Bürger setzt, darf sich nicht wundern, wenn diese vergessen haben, dass es so etwas gibt. ;-)

    Kommentar von anaximander — 9.10.2008 @ 17:54

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