Was passiert, wenn eine Kinderkrippe, deren Betreuungsangebot bis 16:00 Uhr dauert, mit dem Ziel der Disziplinierung ein paar säumiger Eltern, die ihren Nachwuchs ab und an zu spät abholen, eine Busse einführt? Die Unpünktlichkeit nimmt zu. Schliesslich bezahlt man nun mit der Busse die Überzeit der Krippnerin. Was man vorher aus Gründen der Fairness und des Anstandes so oft es ging vermied, weil man die längere Hütezeit als Freundschaftsdienst ansah, den man nur im Notfall beanspruchen mochte, unterliegt nun plötzlich rein materiellen Abwägungen im Sinne einer optimalen Allokation der knappen Ressourcen Zeit und Zaster. Verspätung wird somit zu einem akzeptablen, weil abgeltbaren Verhalten. Es wird also das Gegenteil von dem erzielt, was man erreichen will.
Und was passiert, wenn diese Busse nach einer gewissen Zeit mangels Erfolg wieder abgeschafft wird? Die Unpünktlichkeit nimmt nicht wieder ab. Die starke innere Motivation der Fairness und des Anstandes wurde durch das Ansetzen einer Vorschrift unter Strafanordnung ersetzt mit der schwachen äusseren Motivation der Busse.
Sie glauben das nicht? Müssen Sie auch nicht. Wissen ist allemal besser als Glauben. Die beiden israelischen Wissenschafter Uri Gneezy und Aldo Rustichini haben bereits 1998 diesen Effekt in einer Studie anhand zehn privater Krippen in Haifa belegt.
Dies sei als Warnung an all diejenigen Interventiönler zu verstehen, die Adam Smiths Theorie der unsichtbaren Hand aus dem Jahre 1776 mit dem Einwand zu bodigen suchen, diese funktioniere nur in einer Gesellschaft absolut egoistischer Menschen und diese sei schliesslich nicht das Ziel. Deshalb brauche es einen starken Staat, der seine Mitglieder mit Vorschriften zum gesellschaftlich erwünschten Verhalten zwinge. Es war nämlich ebenfalls Adam Smith, der mit allen Wassern gewaschene Tausendsassa, welcher in seiner Theorie der ethischen Gefühle bereits im Jahr 1759 dieses extrem egoistische Menschenbild anzweifelte. Seiner Ansicht nach sind die Menschen ebenso von Sympathien füreinander bestimmt. Für den Zusammenhalt einer Gesellschaft sorge deshalb nicht das Gewaltmonopol des Staates, sondern eben die Fähigkeit, füreinander Sympathie zu empfinden und sich in andere hineinversetzen zu können.
Adam Smiths Ansatz der unsichtbaren Hand, die von alleine das Allgemeinwohl dirigiert, wenn die einzelnen Menschen sich nur um ihr eigenes Wohl kümmern, basiert also keineswegs auf Egoismus, wie uns das heutige Sozialpopulisten einreden wollen, sondern auf Eigenverantwortung, die auch moralische Grundwerte wie z.B. Fairness und Anstand gegenüber Mitmenschen mit einschliesst.
Zwischenmenschliche Angelegenheiten mit Vorschriften regeln zu wollen muss also gut überlegt sein. Und es nützt wenig, heute das fehlende soziale Engagement von Unternehmern zu beklagen, nachdem man die starke innere Motivation der Fairness und des Anstandes durch die schwache äussere Motivation der Sozialversicherungsprämien ersetzt hat.